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Wer beharrlich einer Beute an einem Ort auflauert, wo es gar keine gibt, wird auch nach langer Wartezeit keinen Erfolg haben. Mit Beharrlichkeit zu suchen ist nicht genug.
Weisheit der Zensunni-Wanderer
In den vergangenen vier Jahren hatte Gurney Halleck keinen Hinweis auf den Verbleib seiner Schwester erhalten, aber er hatte trotzdem nie die Hoffnung aufgegeben.
Seine Eltern weigerten sich, Bheths Namen auch nur in den Mund zu nehmen. An ihren stillen, farblosen Abenden studierten sie unentwegt die Orange-Katholische Bibel und suchten darin nach tröstenden Stellen, die ihnen halfen, ihr Schicksal im Demut zu ertragen ...
Gurney fühlte sich mit seinem Kummer allein gelassen.
In der Nacht, als er verprügelt worden war, ohne dass die Bewohner von Dmitri ihm zu Hilfe gekommen waren, hatten seine Eltern schließlich seinen geschundenen Körper in ihr Fertighaus gebracht. Sie besaßen kaum Medikamente, aber in ihrem harten Leben hatten sie zwangsläufig die primitivsten Erste-Hilfe-Regeln gelernt. Seine Mutter hatte ihn aufs Bett gelegt und ihn versorgt, so gut sie konnte, während sein Vater am Fenster Wache gehalten hatte, um missmutig abzuwarten, ob die Harkonnens zurückkamen.
Und nun, vier Jahre später, hatte Gurney aufgrund der Narben, die von jener Nacht zurückgeblieben waren, ein raueres Profil als zuvor. In seinem rötlichen Gesicht stand stets ein unruhiger Ausdruck. Wenn er sich bewegte, schmerzte es ihn tief in den Knochen. Sobald er wieder auf den Beinen stehen konnte, war er an seine Arbeit zurückgekehrt. Um seinen Anteil zu erfüllen. Die Dorfbewohner akzeptierten seine Gegenwart ohne irgendeinen Kommentar; sie ließen nicht einmal erkennen, wie erleichtert sie waren, dass er ihnen dabei half, ihre Quoten einzuhalten.
Gurney Halleck wusste, dass er nicht mehr zu ihnen gehörte.
Die Abende im Gasthaus machten ihm keinen Spaß mehr, sodass er zu Hause blieb. Nach monatelanger mühseliger Kleinarbeit hatte es Gurney irgendwann geschafft, sein Baliset wieder so herzurichten, dass er damit Musik machen konnte, obwohl der Umfang der Töne und der Klang erheblich eingeschränkt waren. Hauptmann Kryubis Worte hatten sich seinem Gehirn eingebrannt, aber nichts konnte ihn davon abhalten, weitere Lieder zu komponieren und sie in seinem Zimmer zu singen. Schließlich konnten alle anderen so tun, als hätten sie nichts gehört. Seine Texte hatten jedoch die bittere Satire verloren; stattdessen konzentrierten sich seine Lieder nun darauf, die Erinnerung an Bheth wach zu halten.
Seine Eltern waren so blass und ausgebleicht, dass er sich ihre Gesichter nicht mehr ins Gedächtnis rufen konnte, obwohl sie im Nebenzimmer saßen. Doch nach so vielen Jahren erinnerte er sich noch genau an jede Linie im Gesicht seiner Schwester, an jede anmutige Nuance ihrer Gestik, an ihr flachsblondes Haar und ihr sanftes Lächeln.
Vor dem Haus pflanzte er neue Blumen und kümmerte sich um die Callas und Gänseblümchen. Er wollte die Pflanzen genauso wie die Erinnerung an Bheth am Leben erhalten. Bei der Arbeit summte er ihre Lieblingslieder – und dann war es beinahe so, als wäre sie wieder bei ihm. Er stellte sich sogar vor, dass sie gleichzeitig aneinander dachten.
Falls sie noch am Leben war ...
Eines Nachts hörte Gurney, wie sich draußen vor seinem Fenster etwas bewegte, und sah eine schattenhafte Gestalt, die durch die Dunkelheit schlich. Zunächst glaubte er zu träumen, doch dann hörte er ein lauteres Rascheln und einen scharfen Atemzug. Er setzte sich auf und hörte, wie etwas davonhuschte.
Auf seinem Fensterbrett lag eine frisch geschnittene Calla – ein Symbol, eine klare Botschaft. Der cremefarbene Blütenkelch beschwerte ein Stück Papier.
Gurney griff nach der Calla und war wütend, dass man ihn offenbar mit Bheths Lieblingsblume verhöhnen wollte. Doch dann atmete er den schweren Blütenduft ein und las den Zettel. Es war eine halbe Seite Text, in eiliger, aber eindeutig weiblicher Handschrift. Er las die Botschaft so schnell, dass er ihren Inhalt nur oberflächlich aufnahm.
Die ersten Worte lauteten: »Sag Mutter und Vater, dass ich lebe!«
Mit dem Zettel in der Hand sprang Gurney durch das offene Fenster und rannte barfuß über die Schotterstraßen. Er suchte in der Dunkelheit, bis er einen Schatten sah, der zwischen zwei Gebäuden verschwand. Die Gestalt hastete zur Hauptstraße weiter, die zu einer Transit-Station und dann weiter nach Harko City führte.
Gurney gab keinen Laut von sich. Wenn er gerufen hätte, wäre die fremde Gestalt nur umso schneller geflohen. Er rannte im Dauerlauf weiter und achtete nicht auf die Schmerzen seines unzulänglich verheilten Körpers. Bheth lebte noch! Seine Füße scharrten über den harten, trockenen Boden.
Die Gestalt ließ das Dorf hinter sich und bewegte sich am Rand der Felder entlang. Gurney vermutete, dass ein kleines Privatfahrzeug neben den Gemüsegärten wartete. Als der Fremde sich umdrehte – nun war zumindest zu erkennen, dass es sich um einen Mann handelte – und den Verfolger bemerkte, legte er erschrocken einen Zahn zu.
Gurney ließ nicht locker. »Warten Sie!«, rief er keuchend. »Ich will nur mit Ihnen reden.«
Doch der Mann lief weiter. Im Mondlicht erkannte er Schuhe und verhältnismäßig gute Kleidung ... also war es mit Sicherheit kein Bauer. Gurneys Körper hatte im Verlauf eines harten Lebens große Energiereserven angelegt, sodass er den Abstand immer weiter verringern konnte. Dann stolperte der Fremde auf dem unebenen Boden, was Gurney genügend Zeit gab, ihn wie ein D-Wolf, der seine Beute zermürben wollte, zu rammen.
Der Mann flog in den Dreck und kam wieder hoch, aber Gurney warf sich erneut auf ihn. Sie rollten über ein Beet mit gedrungenen Krall-Pflanzen, dann stürzten sie in einen zwei Meter tiefen Graben.
Gurney packte den Mann am Kragen seines gepflegten Hemdes und stieß ihn gegen die Erdwand des Grabens. Überall rieselten Steinchen, Sand und Staub auf sie herab.
»Wer sind Sie? Haben Sie meine Schwester gesehen? Geht es ihr gut?« Gurney betrachtete das Gesicht des Mannes im Schein seines Armbandchronos. Blasse, weit auseinander stehende Augen, die gehetzt umherblickten. Glatte Gesichtszüge.
Der Mann spuckte Dreck aus, der ihm zwischen die Zähne geraten war, und versuchte sich zu befreien. Sein Haar war ordentlich frisiert. Seine Kleidung musste wesentlich teurer sein als alles, was Gurney jemals besessen hatte.
»Wo ist sie?« Gurney zog ihn näher an sich heran und zeigte ihm den Zettel, als wäre es ein unwiderlegbares Beweisstück. »Woher kommt diese Nachricht? Was hat sie zu Ihnen gesagt? Woher wussten Sie von der Calla?«
Der Mann schniefte, dann befreite er einen Arm, um sich den offenbar verletzten Fußknöchel zu reiben. »Ich ... ich bin im Auftrag der Harkonnens für das Einwohnerregister dieses Bezirks zuständig. Ich reise von Dorf zu Dorf. Es ist meine Aufgabe, alle Menschen zu zählen, die dem Baron dienen.« Er schluckte.
Gurney packte seinen Kragen fester.
»Ich sehe viele Menschen. Ich ...« Er hustete nervös. »Ich habe auch Ihre Schwester gesehen. Sie war in einem Freudenhaus in der Nähe der Militärkasernen. Sie hat mir Geld gegeben, das sie im Lauf der Jahre zusammengespart hat.«
Gurney atmete ein paarmal tief durch und konzentrierte sich auf jedes Wort.
»Ich sagte ihr, dass meine Rundreise mich auch ins Dorf Dmitri führen würde. Sie gab mir all ihre Solaris und schrieb diese Nachricht. Sie sagte mir, was ich tun sollte, und ich tat es.« Er schlug Gurneys Hand weg und setzte sich mit entrüsteter Miene auf. »Warum haben Sie mich angegriffen? Schließlich habe ich Ihnen eine Nachricht von Ihrer Schwester überbracht!«
Gurney knurrte ihn an. »Ich will mehr wissen. Wie kann ich sie finden?«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Sie hat mich nur dafür bezahlt, dass ich diesen Zettel nach draußen schmuggle. Ich bin damit ein beträchtliches Risiko eingegangen – und jetzt wollen Sie mich auch noch in Lebensgefahr bringen. Nein, ich kann nichts für Sie oder Ihre Schwester tun.«
Gurneys Hände näherten sich der Kehle des Mannes. »Doch, das können Sie. Sagen Sie, welches Freudenhaus es war, welche Kaserne. Was wäre Ihnen lieber – wenn die Harkonnens herausfinden, was Sie getan haben ... oder wenn ich Sie sofort töte?« Langsam erhöhte er den Druck auf den Kehlkopf des Mannes. »Sagen Sie es mir!«
Es hatte vier Jahre gedauert, bis Gurney zum ersten Mal etwas Neues gehört hatte, und er wollte diese Gelegenheit auf keinen Fall ungenutzt verstreichen lassen. Immerhin war Bheth am Leben. Dieses Wissen verlieh seinem Herzen ungeahnte Kräfte.
Der Beamte würgte. »Eine Garnisonsstadt am Mount Ebony, nicht weit vom Wladimir-See. In der Nähe lassen die Harkonnens Obsidian von Sklaven abbauen. Die Bergwerke werden von Soldaten bewacht. Das Freudenhaus ...« Er schluckte, da er sich kaum traute, diese Information zu offenbaren. »Im Freudenhaus gehen alle Soldaten aus und ein. Dort arbeitet Ihre Schwester.«
Zitternd überlegte Gurney, wie er diese Gegend erreichen konnte. Er hatte nicht viel Ahnung von Geografie, aber er konnte sich sachkundig machen. Er starrte zum düsteren Mond hinauf, der zwischen den rauchgrauen Wolken verschwand, und hatte bereits einen unausgegorenen Plan, wie er Bheth befreien wollte.
Dann nickte er und ließ den Mann los, der aus dem Graben kletterte und humpelnd über die Felder lief, da er sich beim Sturz den Knöchel verstaucht hatte. Er näherte sich einer Stelle mit dichtem Gebüsch, wo er sein Fahrzeug versteckt haben musste.
Benommen und erschöpft ließ sich Gurney gegen die Erdwand des Grabens fallen. Er atmete tief durch und sammelte seine Entschlossenheit. Es machte ihm nichts aus, dass der Mann fliehen konnte.
Endlich hatte er einen Hinweis auf den Verbleib seiner Schwester erhalten.